OSZE-Beobachter über Geiselhaft: „Ein Leben lang werdeich das nicht vergessen“

Oberst Schneider am Telefon: Jetzt spricht der freigelassene OSZE-Inspektor

Quelle: Bundeswehr
Von: Von ANGELIKA HELLEMANN​ und PAUL RONZHEIMER

Die Strapazen der achttägigen Geiselhaft haben ihre Spuren hinterlassen. Das Gesicht von Oberst Axel Schneider ist schmaler geworden, seine Augen blicken müde. „Wir wollen nur noch so schnell wie möglich nach Hause“, sagt der 54-jährige Familienvater von drei Kindern, als er gestern um 9.28 Uhr endlich von den prorussischen Milizen freigelassen wird.​

Er und seine elf Kollegen der OSZE-Militärbeobachtermission haben schlimme Tage hinter sich. In dem von prorussischen Rebellen besetzten Regierungsgebäude von Slawjansk mussten sie zuerst auf dem kahlen Boden schlafen. Das OSZE-Verhandlungsteam durfte ihnen später zumindest Schlafsäcke bringen.​

Der Nervenkrieg für die Militärbeobachter wurde fast unerträglich, als das ukrainische Militär Slawjansk angriff. In der Nacht zu Freitag gegen 4 Uhr heulten Sirenen, Schüsse hallten durch die Stadt. Der selbst ernannte Bürgermeister, Wjatscheslaw Ponomarew, und seine bewaffneten Kämpfer brachten die Militärbeobachter vom Obergeschoss in den dunklen Keller. Dort müssen sie ausharren. „Alle Beobachter haben sich vorbildlich verhalten in der schwierigen Zeit. Wir haben die Feuergefechte direkt mitbekommen, das möchte ich wirklich keinem zumuten“, sagt Schneider, unter dessen Kommando die Mission stand.​

OSZE-Beobachter : Das Interview nach der Freilassung

Quelle: Bild.TV

Während des Flugs von Donezk nach Kiew berichtete Schneider von einer „stetig steigenden Bedrohung“ in den zurückliegenden Tagen. Mit der Operation gegen die Separatisten in Slawjansk „kam sprichwörtlich das Feuer von Handwaffen und Artillerie immer näher“. (...) „Die Anspannung war enorm, wer das nicht mitgemacht hat, der kann sich das nicht vorstellen.“​

Nun seien sie „sehr froh, sehr glücklich, aber auch beträchtlich erschöpft“. Der Zusammenhalt im OSZE-Team sei „ausgesprochen diszipliniert“ gewesen. „Das hat uns durch die Tage gebracht.“​

Nach der Ankunft in Berlin sagte Schneider: „Gestern Abend haben wir noch mitten im Feuer gelegen. Jetzt erfüllt Freude unser Herz, hat Angst und Furcht vertrieben. Wir danken aus tiefstem Herzen für die Anstrengungen, die für uns unternommen wurden. Ein Leben lang werde ich das nicht vergessen.“​

Inspektoren in Tegel gelandet: „Sehr glücklich, aber auch erheblich erschöpft"

Quelle: Bild.tv

Schneiders polnischer Kollege, Major Krzysztof Kobielski, berichtete in Donezk vor Journalisten, er habe sich während der Geiselhaft mehrfach in Gefahr gefühlt. Kobielski weiter: „Als geschossen wurde, haben wir nicht mehr gesprochen, wir blieben auf dem Boden liegen. Um uns herum gab es 100 Männer, die mit Messern, Pistolen und automatischen Waffen bewaffnet waren.“​

Kobielski wies die Darstellung von Ponomarew zurück, die Militärbeobachter seien „Gäste“ und keine Geiseln gewesen: „Es ist schwer, sich als eingeladen zu fühlen, wenn man die ganze Zeit zur Bewachung Bewaffnete um sich hat.“ Kobielski lobte Oberst Schneider, der die Gruppenmitglieder immer wieder aufgefordert habe, miteinander zu sprechen: „Wir haben uns gegenseitig unterstützt.“​

Schneider gilt als sehr erfahren, war in Afghanistan in Mazar-e-Sharif stationiert, kennt Krisensituationen. Er leitete das Zentrum für Verifikationsaufgaben der Bundeswehr in Geilenkirchen (NRW). Rund 200 Soldaten sichern dort die Umsetzung von Rüstungskontrollverträgen, inspizieren Militäranlagen in OSZE-Ländern.​

Gefangene des „Bürgermeisters“: So lief das Drama um die deutschen Geiseln

Quelle: Bild.tv
Haben Sie Fehler entdeckt? Möchten Sie etwas kritisieren? Dann schreiben Sie uns gerne!