Kino/Film/Theater | Heft 32/2006

Zu gut für diese Welt

Nächste Woche läuft Superman Returns an - vermutlich ein gigantischer Flop. Denn der Held ist alt. Und zu brav.
Von Jörg Böckem; Foto: Warner Bros./dpa


Ist es ein Vogel? Ist es ein Flugzeug? Nein, es ist der neue Superman – diesmal dargestellt von Brandon Routh. Die Figur, die wir als Superman kennen, ist inzwischen, seit ungefähr zwei Jahrzehnten, ein – man muss es so hart sagen – Albtraum für jeden Imageberater. Dabei war zuvor doch alles lange sehr gut gelaufen: Nach der Markteinführung Ende der dreißiger Jahre stieg der Mann in der blau-roten Arbeitskleidung unaufhaltsam zum Global Player auf, in gewisser Weise wurde er sogar mehr als das – seine Abenteuer werden mittlerweile in mehr als 40 Ländern der Erde gelesen und seine Aktivitäten beschränken sich keineswegs nur auf diesen Planeten. Sein Markenzeichen, das rote S, ist so bekannt wie der Coca-Cola-Schriftzug oder die drei Streifen von Adidas. Sein Markenprofil ist klar umrissen – Mann aus Stahl, schneller als eine Pistolenkugel, fliegender Weltenretter, zuständig für Freiheit und Gerechtigkeit, die Bösen bekämpfen, Unschuldige beschützen, alles klar. Seine Corporate Identity funktioniert, bis heute. Das ist die eine Seite. Trotzdem galt Superman in der jüngeren Vergangenheit oft als Auslaufmodell, ein zu groß geratener Pfadfinder in langen Unterhosen; ein Langweiler, resistent gegen Modernisierung, überholt von der Zeit. Im Duell mit seinen Kollegen, allesamt weniger mächtig und weniger edel, aber dafür jünger, cooler und rebellischer, sah er meist so alt aus, wie er war: Epigonen wie Spider-Man oder die X-Men haben ihm schon lange den Rang abgelaufen, sie verkauften mehr Comics und Actionfiguren, haben die rasanteren Videospiele und die besseren Filme. Sogar sein Kampfgefährte Batman, nur unwesentlich jünger, hat Superman locker abgehängt. Jetzt aber will das Superman-Imperium zurückschlagen: Die Produktionsfirma Warner Bros. – wie der Comicverlag DC Teil des Entertainment-Riesen Time Warner – hat Superman, ihrem wichtigsten Angestellten, eine gigantische Imagekampagne spendiert. Entwicklungskosten von mehr als 50 Millionen Dollar, 210 Millionen für die Dreharbeiten und noch einmal rund 100 Millionen für die Werbung: Mit Gesamtkosten von mehr als 350 Millionen Dollar ist Superman Returns – der insgesamt fünfte Superman-Film und der erste nach 19 Jahren – einer der teuersten Filme der Kinogeschichte. Superman ist jetzt schon fast achtzig. Seine Erfinder Jerry Siegel und Joe Shuster, zwei junge New Yorker Juden, hatten ihn in Anlehnung an Nietzsches Konzept vom Übermenschen Superman getauft. In der Premierenausgabe von Action Comics im Juni 1938 schmetterte Superman gleich mal ein Auto gegen einen Felsen: ein Auftritt mit immenser Durchschlagskraft, die Erstauf-lage von 200 000 Heften war innerhalb weniger Tage ausverkauft. Die Welt, zumindest Amerika, schien auf so einen Helden gewartet zu haben. Denn die Zeiten waren unsicher: In den USA war die Depression noch nicht überwunden und in den Großstädten wucherte die organisierte Kriminalität; in Europa übernahmen Stalin und Hitler die Herrschaft und steuerten auf einen Weltkrieg zu. Superman war der Held passend zur Zeit – übermächtig, aufrecht, moralisch integer. Er vernichtete das Böse, rettete die Welt und die Nation und blieb dabei selbst unschuldig. Trotz seiner außerirdischen Herkunft – sein Vater, ein Wissenschaftler, hatte ihn als Baby in einer Rakete zur Erde geschossen, kurz bevor sein Heimatplanet Krypton explodierte – war Superman ein uramerikanischer Held. Aufgewachsen in Smallville, einem Dorf in Kansas, wo der liebe Gott den Weizen sprießen lässt, erzogen von Martha und Jonathan Kent, einem aufrechten Farmerehepaar, wurde Clark Kent zum stählernen Boyscout. In den kommenden Jahrzehnten kämpfte er, wie es in seinen Abenteuern hieß, für »Wahrheit, Gerechtigkeit und die amerikanische Lebensart«: Er rettete den Präsidenten, warb für Kriegsanleihen, besiegte Hitler, Stalin und Kaiser Hirohito und zerschlug das organisierte Verbrechen. Schnell wurden die Comicseiten zu klein für ihn, er eroberte das Radio, das Fernsehen, das Kino, die Bühne, die Museen – weit über die Grenzen der USA hinaus. Ein Siegeszug für und durch die freie Welt. Superman wurde zur Ikone. Erst in den siebziger Jahren zeigte seine Fassade die ersten Risse: Der Vietnamkrieg veränderte die Wahrnehmung vieler Amerikaner, Superman wurde als Roboter im Dienst der Macht beschimpft. Ein patrio tischer Idiot in den Augen der Linken, ein phallisches Symbol des chauvinistischen Amerika in den Augen der Feministinnen. Mit dem Image sank auch der Umsatz. Die Versuche der Comicautoren, Superman zu modernisieren, nahmen in den achtziger und neunziger Jahren mitunter seltsame Auswüchse an: Der Stählerne ließ sich einen Pferdeschwanz wachsen, als Clark Kent wechselte er von der Zeitung zum Fern-sehen. Superman wur de zum Mörder, dann selbst getötet und als Energiewesen wiedergeboren. Er mutierte zum Fundamentalisten, der die ganze Menschheit bespitzelte. Er wurde von Identitätskrisen, Paranoia und Zweifeln gebeutelt. Die Erfolge waren, wenn sie sich denn überhaupt einstellten, nur sehr kurzfristig. Der »Mann von morgen« war wohl endgültig von gestern.

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