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LuxemburgerWort 16 ANALYSE&MEINUNG Samstag, den 8. November 2014

Plan ohne Land

Sektorpläne: falsche Instrumente zum unpassenden Zeitpunkt

VON MARKU S HESS E *

Die Vorlage der sektoriellen Leitpläne

für die zukünftige Landesentwicklung

in Luxemburg hat eine lebhafte Dis- kussion in der Öffentlichkeit und in den

Gemeinden ausgelöst. Diese Tatsache

an sich könnte man mit dem Bonmot

„und das ist gut so“ schmücken ... –

gäbe es nicht untrügliche Anzeichen

dafür, dass hier womöglich die fal- schen Instrumente zum unpassenden

Zeitpunkt auf die Agenda kommen.

Mehr noch: Wo ein Leitartikel dieser

Zeitung jüngst ein „Land ohne Plan“ di- agnostizierte (das mit den Sektorplä- nen nun zumindest eine halbwegs ver- bindliche Richtung für die Zukunft be- käme), lässt sich dieser Gedankengang

auch umdrehen: Es ist ein Planwerk,

das aus der Zeit fällt, das nicht zum

Raum passt, der hier geordnet werden

soll und das man mit guten Absichten,

aber womöglich nicht den richtigen

Mitteln in die Wirklichkeit presst. Plan

ohne Land.

Unstrittig scheint die Wahrneh- mung, dass Luxemburg in den ver- gangenen Dekaden so stark gewach- sen ist (demografisch, ökonomisch,

schließlich auch baulich-räumlich),

dass es einer ordnenden Hand bedarf.

Die bisherige Praxis wird dem Prob- lem offensichtlich nicht gerecht. Zwei

Kernprobleme sind eng verknüpft mit

dem Aufstieg des Landes zu einem der

bedeutenden Finanz- und Dienstleis- tungszentren der Welt (!): Mobilität

und Wohnen. Das eine gibt es im Über- maß, das andere wird – trotz immen- ser Bautätigkeit – immer knapper. Bei- de stehen insofern zu Recht im Zent- rum der Debatte. Verkehrsstau und

Wohnungsnot breiter Bevölkerungs- schichten sind zugleich nur Symptom

des Wandels, praktisch der Schlag- schatten des wirtschaftlichen Erfolgs.

Bei gleichbleibend hohen Wachstums- raten steigt aber der Druck im Kessel,

treten Grenzen immer deutlich zutage.

Die Pläne gehen davon aus, weiteres

Wachstum zu ermöglichen und dieses

angemessen räumlich zu steuern.

„Heroic engineering“ hat man diese Il- lusion einmal genannt.

„Plan sectoriel logement“:

Viele Fragen bleiben offen

Bei der Analyse des Planwerks muss

man indes differenzieren: Während der

Teilplan Transport weithin akzeptiert

scheint, zieht der „Plan sectoriel loge- ment“ die größte Kritik auf sich, nicht

zuletzt wegen der Wachstumsvorga- ben an die Gemeinden sowie der „Pro- jets d’envergure“, mit denen großflä- chig Wohnungsbau realisiert werden

soll. Bei den Teilplänen für Aktivitäts- zonen sowie Landschaftsschutz liegen

die Konflikte teils im Ansatz, teils im

Detail. An dieser Stelle soll es weniger

um diese Details gehen, um Wachstum

hier, Kontrolle dort, große Projekte in

kleinen Gemeinden. Meine Analyse

richtet sich auf drei Fragen: 1) ist das

Planwerk stimmig und gut begründet?

2) Können die Pläne sinnvoll umge- setzt werden, d. h. finden sie politisch

Akzeptanz? 3) Können die ausgelösten

Maßnahmen die erhofften Wirkungen

entfalten? Jede Frage ist für sich ein

komplexer Sachverhalt. Im ersten Fall

geht es um das „Warum“ der Pläne, im

zweiten um ihre politische Abstim- mung, der dritte beschreibt die kon- krete Gestaltung von Stadt und Land.

Auf diese Weise soll Luxemburg zu- kunftsfest werden. Ist das realistisch?

Zur ersten Frage: Ein stimmiger Be- gründungszusammenhang für die vor- geschlagenen Maßnahmen ist kaum

erkennbar. Insgesamt zielen die Pläne

stark auf Details ab, ihnen fehlt jedoch

der überzeugende Rahmen. Einschlä- gige Dokumente aus früherer Zeit (wie

das Programme directeur d‘aménage- ment du territoire oder das IVL, die ei- nen solchen Begründungszusammen- hang geliefert haben) sind von der

Realität längst überholt. Insofern blei- ben viele Fragen offen: Wie begründet

sich genau die Unterscheidung von

prioritären und komplementären Ge- meinden? Wie kommen die verschie- denen, jeweils zu- gestandenen

Wachstumsspiel- räume zustande?

Welchen Kriterien

folgt die Auswei- sung einzelner Ortschaften als Ent- wicklungspol? Vermutlich wenden sich

viele Gemeinden nicht gegen eine

überörtliche Abstimmung, wenn die

Kriterien für ihre Umsetzung nach- vollziehbar, plausibel und sachlich be- gründet sind. Nach allem, was man bis- her aus den Sektorplänen lesen kann,

sind sie das noch nicht.

Dies führt zu Frage 2: Können die

Pläne sinnvoll umgesetzt werden, d. h.

finden sie politisch Akzeptanz? Dies ist

ein Kernpunkt ihrer, wenn man so will,

inneren Logik. In den ersten öffentli- chen Präsentationen hatten die Pläne

noch den „haut gôut“ einer höheren

Wahrheit. Doch je gründlicher die öf- fentliche Debatte geführt wird, wird

dieser Anspruch entzaubert – weil die

zugrunde liegenden Festlegungen nicht

nachvollziehbar sind. Die Absetzbe- wegungen der Politik von den Plänen

sind unübersehbar, es wird deutlich,

dass sich die höhere Wahrheit in un- verbindliche „Diskussionsangebote“

verwandelt.

Frage 3: Sind konkrete Wirkungen zu

erwarten, die Luxemburg nachhaltig

machen? Dies funktioniert vermutlich

nur auf mittlere Sicht. Räumliche Ent- wicklung ist viel zu komplex, als dass

man sie exakt messen, prognostizieren

und beeinflussen kann. Die Sektorplä- ne wecken insofern steuerungstech- nische Illusionen über eine harmoni- sche Raumentwicklung, die nicht mehr

einlösbar sind. Das Risiko, dass die Plä- ne Papier bleiben, ist groß; die damit

verbundene Enttäuschung dürfte der

Landesplanung im Ende eher schaden

als nutzen.

Die Philosophie der Sektorpläne

wird durchaus als rigide und unflexi- bel wahrgenommen, aufgrund der

weitreichenden Vorgaben für Ge- meinden bzw. Nutzergruppen und we- gen der ausgeprägten Steuerung „von

oben“. Von diesem Modell hat sich

Landes- und Regionalplanung in wei- ten Teilen Europas längst verabschie- det.

Natürlich ist es sinnvoll und not- wendig, Raum zu ordnen und Raum- nutzungen zu bündeln. Die überörtli- che Abstimmung von Siedlungs-,

Landschafts- und Infrastrukturent- wicklung ist richtig. Und es will nie- mand zurück in die Zeit, in der Bür- germeister noch planen konnten, wie

sie wollten (zumindest fordert das nie- mand mehr). Dieses Echo findet sich

interessanterweise auch in vielen Stel- lungnahmen der Gemeinden. Gelun- gene Koordination ist der Schlüssel:

Moderne Planungsansätze setzen stär- ker auf Prozesse der Aushandlung und

Vermittlung zwischen konkurrieren- den Zielen und Interessen, als dass sie

eindeutige Ziele vorgeben und über ih- re Umsetzung bestimmen.

Perspektivloses Wachstum,

das von oben verordnet wird

Die Lehren, die man aus dieser Dis- kussion ziehen kann, sind zweierlei.

Zum einen gibt es Zielkonflikte und

divergierende Interessen, mit denen

Politik und Verwaltung konfrontiert

sind. Vor allem Staat und Gemeinden

mangelt es an einer effizienten Ar- beitsteilung und engen Verzahnung

ihrer Politiken. Die Gemeinden müs- sen allerdings ihre Bringschuld dazu

leisten, indem sie Strategien entwi- ckeln und regionale Kooperation be- treiben (der aktuelle Stand der Kon- ventionsgebiete zeigt, dass hier noch

viel zu tun ist).

Zum anderen sollte das Land – statt

weiter an die Ordnungskompetenz der

rationalen Raumplanung zu glauben –

eine griffige Idee für die Zukunft ent- wickeln, als Unter- oder Überbau für

konkrete Planwerke. Verständigung im

Grundsatz ginge hier vor Regelung der

Feinheiten. Anschließend könnte man

an die wirklichen Knackpunkte im

Schlagschatten des Erfolgs gehen. Dort

spielen, um nur das Beispiel Wohnen

zu nennen, Aspekte wie Zugang zu Ei- gentum oder ökonomische Verwer- tungsinteressen eine zentrale Rolle. Die

schlichte Erhöhung der Planzahlen für

den Wohnbau wird das Problem nicht

lösen, solange die neuen Angebote viel

zu teuer sind.

Manche Kritik, die von Gemeinden,

der Bürgerschaft oder Verbänden ge- äußert wurde, ist sehr grundsätzli- cher Natur. Sie resultiert aus dem Un- behagen gegenüber einem perspek- tivlosen Wachstum, das von oben ver- ordnet wird. Eine solche Politik ist

nicht nur in demokratischer Hinsicht

fragwürdig, sondern lässt

zwei Punkte nahezu voll- kommen außer Acht: ers- tens die Frage der ge- wünschten Qualitäten des

Wohnens; zweitens die

Frage nach den Formen des künftigen

Zusammenlebens in einer immer stär- ker internationalisierten Gesellschaft.

Diese Punkte gehören elementar zum

Urbanismus und zur Landesentwick- lung. Vielleicht können sich dann auch

die Anliegen des großen Ganzen ge- gen Partikularinteressen einzelner

Akteure behaupten. Das wäre die klas- sische Idee der Raumplanung, in die

heutige Zeit übersetzt.

* Der Autor ist Professor für Stadtforschung an der Uni- versität Luxemburg und Mitglied des „Conseil superieur

de l’aménagement du territoire“ des Ministeriums für

Nachhaltige Entwicklung und Infrastrukturen.

Stadt, Land, Fluss: Die Philosophie der Sektorpläne wird als rigide und unflexi- bel wahrgenommen. (FOTO: GUY JALLAY)

„Staat und Gemeinden mangelt es

an einer effizienten Arbeitsteilung.“