Düsseldorf (AP). Der Armutsbericht der deutschen Bundesregierung bringt den Ökonomen und Chef des renommierten Forschungsinstituts Ifo in München, Hans-Werner Sinn, in Rage. Es stimme einfach nicht, dass jeder achte Deutsche arm sei, erklärte er nun in der „Wirtschaftswoche“. „Kaum jemand, der sich in Deutschland legal aufhält, ist arm“, meint Sinn. Er kritisiert, dass in dem Bericht nicht zwischen Armutsrisiko und tatsächlicher Armut unterschieden wird.
Sinn verweist auf den Umstand, dass Sozialhilfe und Arbeitslosengeld II bei normalen Wohnkosten ein Einkommen sichere, das bei etwa 55 Prozent des mittleren Einkommens liege. Nach amtlicher Definition seien nur vier Prozent der Bevölkerung arm, sagt er. Laut international üblicher Definition liege die Armutsgrenze bei 520 Euro, erklärt der Wissenschaftler. Somit dürfe man selbst Hartz-IV-Empfänger, die mit 700 Euro pro Monat ihr Auslangen finden müssen, nicht als arm bezeichnen, meint Sinn.
Der Ökonom bemängelt, dass für den Bericht Daten aus dem Jahr 2005 verwendet worden sind. Damit werde ignoriert, dass die jüngste Konjunkturaufschwung allein in Westdeutschland 1,1 Millionen Stellen „über das Maß hinaus gebracht hat, das man nach einer Fortschreibung früherer Konjunkturmuster erwarten konnte“. Diese zusätzlichen Jobs hätten erheblich zum Rückgang der Armutsgefährdung und zur Stabilisierung der Mittelschicht beigetragen.
Sinn spricht auch ein Problem der Hartz IV-Regelung an. Viele Arbeitslose würden sich offiziell als Single deklarieren, um mehr Geld vom Staat zu bekommen. Diese Leute seien nicht armutsgefährdet, sondern oft „Mittelschicht“. Dann nämlich, wenn sie tatsächlich mit einem Partner zusammenleben, der zum Haushaltseinkommen beiträgt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2008)

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