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NYC - Tagebuch einer Aus- und Einwanderung

Ärger über blonde Frauen

Hannes Stein
von Hannes Stein, Autor der WELT und WamS
13.10.2007 - 00.26 Uhr

Über Nacht ist das Wetter umgeschlagen. Nach der Affenhitze der vergangenen Wochen kippt das Jahr plötzlich ins Kalte -- heute brauchte ich ein Hemd überm T-Shirt und eine Jacke, als ich meine Wäsche zur Wäscherei brachte. Der Wind trieb Wolkenfetzen im blitzblauen Himmel über der Vanderbilt Avenue vor sich her. Herbst. "Autumn", so sage ich in meinem britischen Englisch dazu, dabei ist das amerikanische Wort so viel poetischer: Fall.

Im Übrigen scheint dies weniger "the season of mists and mellow fruitfulness" als vielmehr die Jahreszeit zu sein, in der man sich über blonde Frauen ärgert. In Deutschland rankt sich ein Skandal um Eva Hermann, die erst Hitlers Familienpolitik gar nicht so schlecht fand und dann in einer Talkshow irgendsowas geäußert haben soll wie: Schließlich hätten die Nazis auch die Autobahnen gebaut.

Damit habe sie nun endgültig ihr wahres Gesicht gezeigt, fand mein Freund Alan Posener. Das arme Hascherl sei von einem Moderator vorgeführt worden, meinte mein Freund Henryk Broder. Ich kann leider keinen Kommentar dazu abgeben, da ich die fragliche Sendung nicht gesehen habe.

Hingegen kann ich von einer blonden Frau ganz anderen Kalibers berichten, die mit einer Äußerung in einer Fernsehshow hier in Amerika für Aufregung sorgt: Ann Coulter. Anders als bei Eva Hermann fallen einem bei Frau Coulter nie und nimmer Blondinenwitze ein. Die Frau ist knallklug, dazu unglasublich konservativ und von aggressivem Witz. Außerdem ist sie, das muss gesagt werden, wirklich sexy.

Wie sie sich das ideale New York vorstelle, fragte der Talkshowgastgeber Donny Deutsch sie in seiner Sendung.

Wie einen republikanischen Parteitag, antwortete la Coulter mit dem Anflug eines maliziösen Grinsens: Alle sind Patrioten, alle verteidigen Amerika, alle sind Christen...

Wie denn, alle Christen? wollte Deutsch wissen (der zum Hause Jakob gehört). Gar keine Juden in New York City?

Nein, natürlich nicht, antwortete Ann Coulter. Schließlich habe das Christentum das Judentum perfektioniert. Natürlich kämen auch Juden in den Himmel, sogar Jerry Falwell (der fundamentalistische Fernsehprediger) habe das gesagt. Aber Christen wüssten halt den schnelleren Weg dorthin. Juden müssten sich an all diese Ritualgesetze halten, Christen nicht. "Ihr habt das Alte, wir haben außerdem noch das Neue Testament."

Ich überlege mir, wie ich als Moderator in dieser Situation reagiert hätte.

"Schön, Frau Coulter", hätte ich gesagt, "lassen Sie uns beide gemeinsam doch das Neue Testament aufschlagen, das Ihnen so am Herzen liegt. Römer 11, 17-18. Können Sie bitte mal vorlesen, was da steht?"

Dann müsste Ann Coulter, das blonde Gift, folgendes laut lesen: "Wenn aber nun einige von den Zweigen ausgebrochen wurden und du, der du ein wilder Ölbaum warst, in den Ölbaum eingepfropft worden bist und teilbekommen hast an der Wurzel und dem Saft des Ölbaums, so rühme dich nicht gegenüber den Zweigen. Rühmst du dich aber, so sollst du wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich."

"Sie verstehen, Frau Coulter", würde ich anmerken: "Paulus, der auch als Apostel immer ein Jude, ein Saulus, blieb, will Ihnen damit sagen: Die Heidenchristen haben keinen Grund, gegenüber den Juden überheblich zu sein. Nix da mit schnellerem Weg! Sie dürfen überhaupt nur durch eine Gnade Gottes sozusagen per Ausnahmegenehmigung am Heilsplan Israels teilhaben. Die große weise alte Kirche in Rom hat mittlerweile verstanden, dass die bloße Existenz des jüdischen Volkes etwas Heiliges ist, weil eben `nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich´. Der Text ist ziemlich eindeutig, finden Sie nicht"

Aber ich war ja nicht der Moderator in der Fernsehsendung. Und wer weiß, ob mir all das in der Eile eingefallen wäre.

 

7 Kommentare
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7 Kommentare

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Und was war jetzt "knallklug" an dem Standardgewäsch? Dass es von langen Beinen vorgetragen wurde? - Würden Sie mal den Testosteronstau in Ihrem Gehirn auflösen, bitte!

Wumpe
14.10.2007 - 17.45 Uhr

@ E J

Der knall-lockere Hannes will knall-leger rüberkommen. Dass das knallig in die Hose geht, merkt er ja zum Glück nicht. Außerdem weiß er nicht, dass Ann Coulter in echt gar nicht knall-blond, sondern nur knall-blondiert ist. Nach Römer 11 habe ich dann auch noch einmal bei Johannes 8:44 nachgelesen und war schockiert, dass diese knallharte Passage immer noch nicht redigiert worden ist ...

netdns
15.10.2007 - 13.34 Uhr

@Wumpe,

so ist das also: die Verwendung des Wortes 'knallklug' impliziert, dass man leger sein will, es aber nicht schafft. Dass man Ann Coulter 'sexy' findet, impliziert einen vorhandenen Testosteronstau.
Ich persönlich finde Ann Coulter nicht 'sexy'. Impliziert das jetzt automatisch, dass ich keinen Testosteronstau habe?
By the way: Welche Rückschlüsse kann man aus dem Nickname 'Wumpe' auf die dahinterstehende Person schliessen? Ungeahnte Abgründe tun sich da auf...
Sollte 'Wumpe' kein Nickname sein, könnte man einfach sagen: 'Nomen est Omen'.

netdns
15.10.2007 - 13.42 Uhr

Ups, habe gerade gemerkt, dass der 'Testosteronstau' von E J kommt und nicht von Herr oder Frau Wumpe. Sorry, Herr oder Frau Wumpe.
Also E J, fühlen Sie sich bitte auch angesprochen von meinem letzten Kommentar.

netdns
:
Ich persönlich finde Ann Coulter nicht 'sexy'. Impliziert das jetzt automatisch, dass ich keinen Testosteronstau habe?

Ja, sicher. Culter: if attraktiv > Testosteronstau/ if non attraktiv > non Testosteronstau. Is' doch einfachste Logik.
Prä-neoliberaler Merksatz (@ Hannes Stein): Gehe nie hungrig einkaufen!

netdns
15.10.2007 - 17.01 Uhr

@E J
Culter: if attraktiv > Testosteronstau/ if non attraktiv > non Testosteronstau. Is' doch einfachste Logik.

Wenn schon Logik, dann korrekterweise so:
if attraktiv = Testosteronstau / if non attraktiv = non Testosteronstau
Oder wahlweise so:
if attraktiv then Testosteronstau / if non attraktiv then non Testosteronstau

Destructivus
28.12.2007 - 16.49 Uhr

Nun ja, niemand kann was für seine sexuellen Vorlieben und wenn Stein eine kreischende, anorektische Fummeltrine mit übergroßem Adamsafel "sexy" findet - bitteschön.

Aber von "knallklug" muss er schon eine recht merkwürdige Vorstellung haben. Coulter ist durchaus nicht die verrückte Reaktionärin, als die sie von ihren Gegnern dargestellt wird, sondern eine eiskalt kalkulierende Geschäftsfrau (und ich verwende den zweiten Teil dieses Wortes mit äußerster Zurückhaltung), die ihre Bücher so vielen Leuten, wie möglich, andrehen möchte und das auch tut. Zu diesem Zweck würde sie alles (aber auch ALLES) sagen. Manchmal hat sie sogar recht, eine kaputte Uhr geht ja auch zweimal in 24 Stunden richtig. Diese gackernde Henne kann wunderbar improvisieren oder, damit es Herr Stein auch versteht: She makes up her shit as she goes along.

Sie erinnert mich an die Megären, die während der Französischen Revolution ein Sitzplatz-Abonnement unter der Guillotine hatten und dort, wenn nix los war, strickten. Gerüchte sagen, sie sei ein geschlechtsumgewandelter Mann. Ich wünschte, das wäre wahr, weil dann müsste ich mich als Frau nicht so sehr fremdschämen.

Schlecht informiert, intellektuell unglaubwürdig, frech, gerissen, und wie diese fromme Evangelistin ihrer konservativ-christlichen Anhängerschaft ihre grade mal blößebedeckenden Fummel erklärt, DAS möchte ich dann doch mal gerne wissen.

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Hannes Stein

Hannes Stein

Hannes Stein, 1965 in München geboren, aufgewachsen in Österreich (beides hört man ihm aber nicht an).

Studium der Anglistik in Hamburg; bis heute anglophil bis über beide Ohren. Seit 1989 Journalist (Autor der „taz“, der „FAZ“, des „Spiegel“, der „Weltwoche“), seit 2000 Redakteur der WELT, seit 2001 bei der „Literarischen Welt“, dort vor allem für Sachbücher zuständig. mehr...


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