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Meinungsfreiheit

Wenn Recht wehtut

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Meinungsfreiheit bedeutet, das Recht des anderen zu verteidigen, mich zu kränken. Meinungsfreiheit bedeutet, das Recht jedes Kunstwerks zu verteidigen, schlechte Kunst sein zu dürfen, sogar gefährlich propagandistische Kunst – solange sie kein Gesetz bricht. Meinungsfreiheit bedeutet, eben dieses Propagandistische anzuprangern, auch wenn Menschen, die man ihrerseits für gefährlich hält, Terroristen etwa, dasselbe tun. Meinungsfreiheit ist ungemütlich und kompliziert.

Im Fall von „Fitna“ („Zwietracht“), dem anti-islamischen Video des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders, ist es also angezeigt, sich öffentlich dafür einzusetzen, dass der Film nicht verboten, sein Urheber nicht bedroht wird. Wilders’ Werk ist ein Pamphlet, eine wüste Montage von Koranzitaten mit Bildern der Terroranschläge von 9/11 und Madrid oder vom Mord an Theo van Gogh. Die Montage ist Unsinn. Nicht nur, weil auch das Alte Testament hier und dort Hass predigt, sondern vor allem, weil keine Religion verantwortlich gemacht werden kann für die Verbrecher, die sich auf sie berufen. Muslimische Hassprediger und christliche Inquisitoren sind das eine, Koran und Bibel etwas anderes. Es mag Zusammenhänge geben (denen sich Romuald Karmakar in seinem Hassprediger-Film „Hamburger Lektionen“ nähert), aber sie sind kompliziert wie alle Beziehungen zwischen Fantasie, Gedanke und Tat. Gewalt träumen ist okay, Gewalt ausüben nicht.

Leider prägt nicht Freiheitsliebe die Debatte, sondern Angst. Es ist wie bei der Berliner „Idomeneo“-Inszenierung oder den dänischen Mohammed-Karikaturen. Statt im Chor zu sagen: Das Menschenrecht der freien Rede ist unteilbar, gern streiten wir uns auch um diese Überzeugung (die ihre Grenzen etwa bei der Leugnung des Holocaust hat), fetzen uns wütend mit Worten – aber nicht bis aufs Messer. Stattdessen greift erneut die Logik vorauseilender Furcht. Die Fanatiker sollen bloß nicht provoziert werden!

Seit Donnerstag steht „Fitna“ im Internet. Politiker haben versucht, die Veröffentlichung zu verbieten, viele Niederländer entschuldigten sich präventiv. Nun warnt das BKA, der Film verschärfe auch in Deutschland die Gefährdungslage, der EU-Ratspräsident rät zur Vorsicht. Als ob nicht alle Welt wüsste, dass gewaltbereite Attentäter in Karikaturen, Filmen, Romanen oder Inszenierungen nur Vorwände suchen für ihre Taten. So viel Vorsicht kann kein Sicherheitspolitiker walten lassen, dass sich alle Vorwände aus der Welt schaffen ließen – zumal es die Kapitulation vor jenen wäre, die die Freiheit mit mörderischen Mitteln bekämpfen.

Und in Berlin? Am Montag beginnt die Schule wieder, es gibt Streit über Gebetsräume für muslimische Schüler. Am Sonntag hat in Potsdam eine Theaterversion von Salman Rushdies „Satanischen Verse“ Premiere. Wieder: Proteste, Polizeischutz, Erregung. Nichts ist normal im Dauerstreit der Kulturen, auch wenn der Zentralrat der Muslime im Falle des Theaterstücks zur Gelassenheit aufruft.

Salman Rushdie war 1989 mit einer Fatwa belegt worden. Damals sagten im freien Westen viele: Wer so schreibt, soll sich nicht wundern. Ein Satz, gefährlich wie Wilders’ Pamphlet. Man kann das nicht vergleichen: Rushdies „Satanische Verse“ sind ein meisterlicher Roman, Wilders’ „Fitna“ ist ein mieses Video. Aber, und das ist Toleranz: Beide Urheber haben das Recht auf Unversehrtheit, beiden gebührt Schutz. Man muss dafür nicht mal die Meinungsfreiheit bemühen. Es genügt das Gewaltmonopol des Staates.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 29.03.2008)
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Kommentare [ 9 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von   josse | 28.03.2008 20:38:30 Uhr
Ein ausgewogener Kommentar
bei dem ich besonders unterstreichen möchte, dass es um die Freiheit geht und der Angst widerstanden werden muss.
Das Verstreichenlassen des Einspruchstermins gegen die Gerichtsentscheidung zum islamischen Gebetsraum zeigt genau das Gegenteil:
Die Angst des Senators ist mit Händen greifbar.
Das Video von Wilders sehe ich allerdings nicht als "mieses" Machwerk an sondern als gelungene Provokation, die für einen offeneren Diskurs zu dieser Thematik dringend nötig war.
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von   jungle | 28.03.2008 20:45:29 Uhr
Im Dauerstreit der Kulturen...
Probleme mit Radikalen zu verallgemeinern und auf eine ganze Religionsgemeinschaft zu beziehen, ist kontraproduktiv. Reaktionen, wie die von Geert Wilders kann man nicht gut heißen. Aber sie sind eine logische Folge eines ausbleibenden Problembewußtseins und Handelns unter Politikern. Häufig fehlt der Mut, Verletzungen der Menschenwürde und Grundwerte einer freien Gesellschaft durch radikale Gruppen anzuprangern und dagegen konsequent vorzugehen. Unsere Grundwerte werden weder vermittelt noch verteidigt.
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von   peterbricks | 28.03.2008 23:33:07 Uhr
Text lesen
Kann der Tagesspiegel nicht allen Lesern zur Kenntnis einmal den Wortlaut der von arte gesendeten Übersetzungen aus dem Hassprediger-Film „Hamburger Lektionen“ veröffentlichen? Dann könnten sich auch Gutgläubige von dem Ausmaß an Indoktrination und Verhetzung überzeugen - wenn sie denn lernfähig wären.
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von   uvloff | 28.03.2008 23:36:36 Uhr
Angst
"Leider prägt nicht Freiheitsliebe die Debatte, sondern Angst."

Damit hat die Autorin die Situation in Europa treffend beschrieben. Wir müssen unsere Freiheit und liberale Lebensweise verteidigen. Wenn wir damit jetzt nicht anfangen, gehen wir unter.
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von   klaus_weiss | 29.03.2008 00:30:03 Uhr
Ein schlechter Kommentar
Kunst ist nicht etwas vom Himmel Gefallenes, sondern ein Produkt, beeinflußt von Produzent, Inhalt und Form, vielleicht noch etwas Zeitgeschichte. Auch ein Künstler muß dafür verantwortlich gemacht werden können, wenn er Grenzen um des Provozierens willen überschreitet und damit bewußt -- beabsichtigt -- andere in ihrem Empfinden verletzt. Diese Grenze auf das Strafrechtliche zu reduzieren hieße, Ethik und Moral zu vernachlässigen. Nur weil ein Staat die Auschwitzlüge erlaubt, ist es Kunst, wenn man einen entsprechend provozierenden Beitrag verfaßt? Nur weil ein Staat sie verbietet, ist es keine Kunst mehr? Hören wir auf, denen zuzujubeln, die Geschmacklosigkeit als Avantgarde zu verkaufen suchen, wenn es doch nur um Populismus, Geld oder Befriedigung des Geltungsbedürfnisses geht.

Im übrigen empfinde ich es als sehr schlechten Stil, den sich betroffen gebenden Niederländern "präventives Entschuldigen" zu unterstellen. Das ist unterstes, tendenziöses, parteiisches "Niveau".
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von   redperry | 29.03.2008 09:07:10 Uhr
Vielleicht , Herr Weiss,
sind Ihnen da die letzten 200 Jahre Kunstgeschichte entfallen? Es geht um Freiheit, Provokation, Exzess - und nicht um Ethik Gemeinschaft, Moral etc. Da finden Sie sich eher im Einklang mit dem islamischen Kunstverständniss.
Ansonsten sehr guter Kommentar! Gegen die vorauseilende Feigheit! Allerdings: Warum muss man den vor Religion generell Respekt haben? Sicher vor Menschen, die aus religiösem Grund etwas Leisten! Man muss doch das Recht haben, der Religon eine Carde Blanche, den Gratisrespekt zu verweigern, aber die Religionsausübung als Privatsache zu tolerieren.
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von   rc | 29.03.2008 17:50:59 Uhr
@ Klaus_Weiß
Ich kann Ihre Kritik an dem Kommentar von C. Peitz nicht verstehen. Die Provokation eines Herrn Wilders hält sich außerdem stark in Grenzen. Vergleichen Sie das mal mit jenen der Extremisten auf der Gegenseite, die Ethik und Moral in entscheidender Weise mißachten.
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von   schnarzan | 30.03.2008 00:23:14 Uhr
@Klaus Weiß
Ihre Argumentation kommt mir bekannt vor. Woher bloß? Ah ich habs: Der schwarze Kanal mit Sudelede!
Der Rest ihrer Beiträge hätte bei jedem DDR-Funktionär Beifall ausgelöst.
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von   kains | 30.03.2008 11:01:03 Uhr
Zur Ausgewogenheit:
Auch das Neue Testament predigt Gewalt: „So jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein.“ (Lk 14, 26) und: „Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.“ (Lk 11,23).
Und Christen haben Gewalt Jahrhundertelang erfolgreich angewandt. Jetzt sind sie die Mächtigsten und aus der Stärke heraus kann man auf Gewalt verzichten, wenn man will. Bush ist Christ und er beruft sich auf sein Christentum.
Die atheistischen nationalen und internationalen sozialistischen Staaten haben in kurzer Zeit soviel gemordet wie andere in Jahrhunderten.
Keine Weltanschauung bewahrt vor Grausamkeit. Jeder ist für seine Taten verantwortlich, egal welche Religion er hat und in jeder Religion oder Weltanschauung gibt es Menschen, die versuchen, anderen nicht zu schaden und Gewalttäter und Hassprediger.


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