Attacke auf Rabbiner

Hinweise auf antisemitisches Motiv

Von Katharina Iskandar

Ratlosigkeit und Bestürzung: Mitglieder der jüdischen Gemeinde vor dem Bürger...

Ratlosigkeit und Bestürzung: Mitglieder der jüdischen Gemeinde vor dem Bürgerhospital

11. September 2007 Drei Tage nach dem Messerangriff auf den Rabbiner Zalman Gurevitch im Frankfurter Westend haben sich die Hinweise verdichtet, dass es sich um einen gezielten, antisemitischen Angriff und nicht um eine zufällige Tat gehandelt hat. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft bestätigte Gerüchte, wonach der Täter „Ich bring dich um, du Scheiß-Jude“ gerufen haben soll, bevor er sein Messer zückte und dem 42 Jahre alten Gurevitch in den Bauch stieß.

Nach den Worten von Sprecherin Doris Möller-Scheu hat der Täter den Rabbiner aufgrund seiner Kleidung als Juden erkannt und offenbar als „Feind“ angesehen. Ein latenter Hass auf Juden müsse bei dem Täter folglich vorhanden gewesen sein, Beweise dafür gebe es aber bisher nicht. Auch gebe es noch keine Hinweise, „aus welcher Ecke der Täter stammt“. Die Ermittlungen gingen „in alle Richtungen“. Die Belohnung für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen, wurde auf 4000 Euro erhöht.

LKA spricht von neuem Phänomen

Der Rabbiner konnte inzwischen von der Intensivstation auf eine normale Station verlegt werden. Er wird vermutlich noch zehn Tage im Krankenhaus verbringen müssen. Dem Gemeindevorsitzenden Salomon Korn sowie Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) und dem Zentralratsvize Dieter Graumann, die ihn am Krankenbett besuchten, sagte Gurevitch, der Täter sei in seinen Augen nicht repräsentativ für Frankfurt. Er fühle sich wohl in der Stadt und sei überzeugt davon, dass er den Schock bald überwinden und sich in der Stadt wieder sicher fühlen werde. Für Korn lautet eine entscheidende Frage, ob es sich bei der Attacke um einen Einzelfall handelt oder ob sie Teil einer gezielten Strategie ist.

Das hessische Landeskriminalamt (LKA) sprach „von einem neuen Phänomen“ der politisch motivierten Kriminalität. Bisher seien antisemitische Übergriffe fast ausschließlich von Rechtsradikalen verübt worden. Wie LKA-Sprecher Udo Bühler mitteilte, treten inzwischen aber vermehrt auch Ausländer in Erscheinung, für die Judentum aufgrund ihrer Weltanschauung oder Ideologie ein Feindbild sei.

1346 politisch motivierte Straftaten wurden der Polizeistatistik zufolge im vergangenen Jahr in Hessen erfasst – in 64 Fällen handelte es sich um „Ausländerkriminalität“, worunter auch jene Straftaten fallen, die beispielsweise von muslimischen Gruppen ausgehen und sich gegen Juden richten. Wie viele es genau waren, ist nicht bekannt, weil antisemitische Übergriffe von Seiten muslimischer Täter in der Statistik nicht gesondert aufgeführt werden. Jedoch gibt es laut Bühler Überlegungen, dies zu ändern und differenzierter als bisher die Tätergruppen zu benennen.

Roth ruft zu mehr Zivilcourage auf

Unterdessen haben Politiker und Organisationen den Angriff auf den Rabbiner abermals scharf verurteilt. Frankfurts Oberbürgermeisterin Roth rief in einer Pressemitteilung zu mehr Zivilcourage auf. „Es muss in unserem Land eine Selbstverständlichkeit sein, dass jeder ohne Furcht sich öffentlich zu seiner Religion bekennen kann.“ Dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Salomon Korn, versprach Roth, dass die Stadt alles tun werde, „um dem Rassismus den geistigen Nährboden zu entziehen“. Es dürfe nicht sein, dass durch diesen Angriff wieder Angst und Schrecken in das Leben der in Frankfurt wohnenden Juden einkehre.

In einem Brief an Salomon Korn hat der Frankfurter Integrationsdezernent Jean Claude Diallo (Die Grünen) dazu aufgerufen, den „differenzierten Blick“ nicht zu verlieren. Die Tat dürfe nicht dazu führen, dass Ereignisse der vergangenen Wochen - fremdenfeindliche Übergriffe, geplante Terrorakte und der geplante Bau einer Moschee in Hausen - in scheinbar „eindeutige Zusammenhänge“ gestellt würden. Die Stadt habe mit den islamischen Gemeinden Kontakt aufgenommen und sie aufgefordert, „diese abscheuliche Tat zu verurteilen“.

Auch die im Römer vertretenen Fraktionen äußerten sich bestürzt. Der integrationspolitische Sprecher der SPD-Fraktion Turgut Yüksel sagte, er betrachte „mit Sorge“ eine „zunehmend unreflektierte Einstellung mancher islamischer Jugendlichen gegenüber Israel und dem Judentum“. Der Nahost-Konflikt dürfe nicht auf deutschem Boden ausgetragen werden. Der Kreisverband der Grünen bezeichnete die Tat als „verabscheuenswürdig und beunruhigend“ und rief ebenfalls zu mehr Zivilcourage auf. Es sei Aufgabe aller Bürger, sicherzustellen, dass Antisemitismus in Frankfurt keinen Platz habe, hieß es in einer Mitteilung.

Polizei sucht nach Zeugen

Genesungswünsche überbrachte der hessische Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Volker Hoff (CDU): Er übergab Zalman Gurevitch im Krankenhaus ein persönliches Schreiben von Ministerpräsident Roland Koch (CDU), der derzeit in den Vereinigten Staaten weilt.

Die SPD-Landesvorsitzende Andrea Ypsilanti bezeichnete die Tat als „Anschlag auf das friedliche Miteinander der Religionen“. Bestürzt zeigten sich zudem der Deutsche Gewerkschaftsbund, der Interkulturelle Rat und der Deutsche Koordinierungsrat mit Sitz in Bad Nauheim, der 83 Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit vertritt.

Die Polizei sucht unterdessen noch immer nach Zeugen, die den mutmaßlichen Täter am Freitagabend gegen 20.30 Uhr in Begleitung zweier Frauen an der Ecke von Eschersheimer Landstraße und Neuhaußstraße gesehen haben. Ein Phantombild des mutmaßlichen Täters ist im Internet unter der Adresse www. polizei.hessen.de abrufbar.

Versuchter Todschlag

Rechtlich stellt sich die Messerattacke auf den chassidischen Rabbiner Zalman Gurevitch nach Auskunft von Oberstaatsanwältin Doris Möller-Scheu, Sprecherin der Strafverfolgungsbehörde, als gefährliche Körperverletzung und versuchten Totschlag dar. Die Ermittler gehen von einer in beiden Teilkomplexen vorsätzlichen Tat aus. Der gesuchte Täter hatte sein Opfer mit dem Tode bedroht, bevor er zustach. Beide Delikte ziehen eine Freiheitsstrafe nach sich. Im konkreten Fall wird bei einer Hauptverhandlung das Gericht - zuständig wäre eine Schwurgerichtskammer des Landgerichts - auch den antisemitischen Charakter der Todesdrohung berücksichtigen und strafschärfend werten. (tk.)



Text: F.A.Z.

 

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